Nauen und die Plünderungen der Raubritter im 15. Jahrhundert

Nauen und die Plünderungen der Raubritter im 15. Jahrhundert

Die Mark Brandenburg war im 14./15. Jahrhundert, der Spielball kleinlicher Hausmachtkämpfe deutscher Fürsten. Es gab keine Gemeinheit, der sich die damaligen Besitzer Brandenburgs nicht bedient hätten. Elende Händel, Erbschleichereien, Verpfändungen ganzer Landesteile und Hochzeiten sowie Totschlag soeben angetrauter Ehegatten um der Erweiterung der Hausmacht willen waren an der Tagesordnung.

Zur Demonstration seien nur einige Beispiele angeführt:
Kaiser Karl IV hatte die Macht von dem bayrischen Markgrafen Otto dem Faulen abgekauft. Nach seinem Tode 1378 erhielt Karls 10jähriger Sohn Siegismund die Mark Brandenburg. Während seiner Regierungszeit ließ sich Siegismund allerdings nur einmal in diesem Lande sehen. Bereits im Jahre 1388 übergab Siegismund zur Tilgung seiner Schulden, die er wegen der Bereinigung eines Ehekrachs in Ungarn bei Markgraf Jobst von Mähren machte, die Mark an Jobst für 565.263 Gulden. Jobst machte es nicht besser. Er verkaufte oder verpfändete ganze Städte und Schlösser der Mark nach Belieben.
Mit der Wahl Siegismunds zum König im Jahre 1411 wechselte erneut die Herrschaft über die Mark. Er erbte Brandenburg von Jobst nach dessen Tode und setzte den Burggrafen Friedrich von Nürnberg als Vertreter ein, der nun seinerseits um die Gunst der brandenburgischen Städte buhlte. Nauen gehörte zu den ersten märkischen Städten, die diesem Nürnberger Burggrafen (übrigens der erste Hohenzoller) huldigte. Die Bevölkerung der Mark litt jedoch nicht nur unter diesen ständigen Machtkämpfen der Landesfürsten. Auf ihrem Rücken wurde auch die Auseinandersetzung zwischen dem Landesherren und den Rittern ausgetragen. Die Letzteren zogen plündernd und brennend durch das Land. Die Kurfürsten sahen darin die Gefahr einer Schmälerung ihrer Einnahmen und glaubten, dass die dauernde Beunruhigung des Landes durch die Ritter zu Schwierigkeiten bei der Eintreibung der feudalen Renten führen könnte. So waren im 14. und 15. Jahrhundert ständige Fehden zwischen abgewirtschafteten Rittern und den Landesherren auf der einen Seite sowie den Städten, deren Reichtum die Ritter vor Neid erblassen ließ, auf der anderen Seite auf der Tagesordnung. In Deutschland sprach man damals: „Ist einer ungefährdet durch ganz Deutschland gereist, so kommt er doch nicht ungeraubt aus der Mark.“ Und die Bevölkerung der Mark Brandenburg betete:“ Vor Köckeritze und Lüderitze, vor Krachten und vor Itzenplitze behüte uns lieber Herre Gott.“

Brüder Quitzow brachten Unheil übers Land

Besonders unrühmlich benahmen sich dabei die Quitzows. Peter Hafftiz schreibt darüber in seinem Microconicum Marchicum: je näher man der Mark gekommen, je sorglicher und gefährlicher es zu reisen, handeln und wandeln ist gewesen. Die Fremden wurden von den Adeligen und auf offener Straße beraubet und geschädigt. Auch die Landeseinwohner wurden nicht verschonet, dieselbigen geschlagen, verwundet, getötet, gefänglich weggeführt, gestäubt, gepflöckt, beschützt und so übel mit ihnen gebahret, dass schier ein Bürger nicht hat sicher fürs Thor spazieren gehen, heben die Städtischen in der Ernte an ihrer Arbeit verhindert, davon gejagt, das Getreide zunichte gemacht, das Rindvieh und Schweine vor den Thoren geraubt und weggetrieben.“ Über die Ouitzows selbst erfahren wir in einem Bericht von Wilhelm Pfeiffer folgendes: „Dietrich von Ouitzow und sein Bruder Hans waren echte Raubritter. Ritten die beiden, von Kopf zu Fuß in Stahl und eisen gekleidet, aus dem Schlosstor, so geschah’s immer manch einem zuleide. Die Herren saßen zu Friesack und Plaue im Havelland auf festen Burgen, füllten die ganze Mark Brandenburg mit Fehde, Raub und Brand. Fuhren Kaufleute mit Wagen voll Gütern des Weges, so sprangen die Herren mit ihren Knechten aus dem Busch, wo sie gelauert hatten, hielten die Speere vor und forderten eine Abgabe, die der —ehrlose seufzend reichte. Weigerte sich einer der Schatzung, so warfen sie ihn nieder, banden ihn und führten ihn und sein Gut auf ihr Schloss; dort setzten sie den Kaufherren in den Turm, wo er bei Wasser und Brot schmachtete, bis die Seinen ein hohes Lösegeld entrichtet hatten. Waren ihnen einmal die Bürger einer kleinen Stadt nicht zu Willen gewesen, so legten sie sich mit ihrem Volk vor die Mauern, berannten die Tore, und wehe den Armen, wenn sie Eintritt erzwangen. Fand sich aber Zeit und Stunde, so fielen sie den Städtern in die Feldflur, trieben die Herden weg und legten die Dörfer in Schutt und Asche.“

Nauen im Städtebündnis gegen Raubritter

Gegen diese raubenden Banditen schlossen an 9. Juni 1390 nachfolgende Städte Brandenburgs ein Städtebündnis: Alte und Neue Stadt Brandenburg, Berlin, Kölln, Frankfurt an der Oder, Eberswalde, Bernau, Spandau, Potsdam, Fürstenwalde, Neustadt, Wrietzen, Nauen. Die beteiligten Städte verpflichteten sich zu gegenseitigem Beistand und stellten Soldaten für eine gemeinsame Streitkraft. Die Stadt Nauen hatte in diesem Städtebündnis gegen die Raubritter 3 Gewappnete und 2 Schützen zu stellen. Aber auch dieses Städtebündnis half den Nauenern gegen die Raubritter wenig. Als der Burggraf Friedrich von Nürnberg im Jahre 1415 mit großem Gefolge zu einem Konzil nach Konstanz berufen wurde, benutzte Dietrich von Ouitzow diese Gelegenheit zu neuen Raubzüger ins Havelland. Im „Stadtführer von Nauen“ aus dem Jahre 1932 wird dieser Raubzug wie folgt beschrieben:

Quitzow legte Nauen in Schutt und Asche

„Am 16. August 1415 erreichte Quitzow bei Börnicke den Damm, der nach Nauen führt. Bei einem Jägerhaus hielt er an und verlangte zu trinken. Der Jäger erkannte Dietrich von Quitzow und erschrak. Dietrich fragte ihn: „Kennst du mich?“ Der Jäger antwortete: „Ja, Herr, ich habe euch früher gekannt.“ Dietrich fragte weiter: „In wessen Diensten stehst du?“ Er erhielt zur Antwort: „In den Diensten der Stadt Nauen.“ „Nun gut“, erklärte Dietrich, „so bist du mein Gefangener, denn der Stadt Nauen soll es gelten.“ „O Herr, schont meiner“, bat der Jäger, „ich habe euch ja nie etwas zuleide getan! Schont auch die Stadt, die nichts verbrochen hat.“ Dietrich erwiderte:“ Was weißt du armseliger Wicht, ob sie etwas verbrochen hat oder nicht. Es ist genug, dass sie eurem neugeschaffenen Markgrafen gehört. (gemeint ist der von Nauen gehuldigte Burggraf Friedrich von Nürnberg) Aber man soll nicht sagen, dass Dietrich von Quitzow die ungewarnte Stadt überfallen habe. Lauf zur Stadt und verkünde, dass ich da sei, um mit ihr feindlich zu verfahren. Aber nur eine Stunde gebe ich ihr Zeit, sich zu rüsten. Eine Stunde nach deinem Abgange von hier breche ich auf.“ Der Jäger lief, was seine Beine vermochten, und hatte den langen Damm, der sonst erst etwa in 1 1/2 Stunden zurückgelegt werden kann, in der Hälfte der Zeit geschafft.

Er kam atemlos in der Stadt an, sein Notruf hatte aber wenig Erfolg, denn fast alle Einwohner waren vor den Toren der Stadt mit der Ernte beschäftigt. Die Bestürzung der Zurückgebliebenen war grenzenlos. sollten sie ihre beweglichen Habe retten, oder die Einwohner vom Felde rufen? Das eine war so notwendig wie das andere. Endlich kamen die am nächsten an der Stadt arbeitenden Männer in Hast gelaufen, aber die Stunde war bereits verflossen und Dietrich stand vor dem Tore. Man hatte das Tor zwar in Eile geschlossen, aber die Zugbrücke über den Graben nicht aufgezogen. Die wenigen Einwohner, die in der Stadt zurückgeblieben waren, konnten keinen ernsthaften Widerstand leisten. Das Tor wurde gesprengt, und die Quitzowschen Räuber jagten in die Stadt. Dietrich ließ die wehrlose Stadt anzünden, seine Knechte plünderten die Häuser, und als die Flammen emporloderten, ließ Dietrich zum Rückzug blasen und zog auf dem Wege zurück, den er gekommen war. Die Stadt brannte fast ganz ab. Die bereits eingebrachte Ernte war verloren. Das Vieh wurde fortgeführt. Bei der großen Hitze und der anhaltenden Dürre waren die hölzernen, mit Stroh gedeckten Häuser bald niedergebrannt, besonders, da niemand zum Löschen da war.“ Der von Quitzow angerichtete Schaden betrug schätzungsweise 5000 Schock Böhmischer Groschen. Der Kurfürst musste die Stadt auf Jahrzehnte von ihren Abgaben befreien, und es dauerte Jahrhunderte, bis die Stadt ihre bisherige Blüte wieder erreichte.

Quelle: Aufzeichnungen Fritz Warncke († 2017)
Zeichnung: Joachim Horn († 2020)