Molkerei Nauen und die Milchpipeline

Molkerei Nauen und die Milchpipeline

Von der Kuh direkt in die Molkerei Nauen

molkerei nauen
Im Melkhaus des VEG Markee: Zwei in die Erde führende Rohrleitungen, zwei Manometer, ein Kompessor – der Anfang der Milchpipeline.

An einem Morgen wie jeden, im Oktober 1966 um 05:30 Uhr. Feierabend im Fischgrätenmelkstand des VEG Markee. Elektrisch gemolken, stehen die Schwarzbunten herum. Der Melkermeister kommt nochmals ins Melkhaus, blickt auf einige Manometer, schließlich dreht er an einem metallenen Hebel, so als öffne er schlechtweg irgendeinen Wasserhahn im Garten. 50 Minuten später quillt aus einem handgelenkstarken Kunststoffrohr im Keller der Nauener Molkerei das erfrischende Labsal. Gut gekühlt (etwa 4 Grad Celsius) verlässt das fett- und vitaminreiche Produkt seine unterirdische Ader, ohne auch nur ein einziges Mal von Menschenhand bewegt worden zu sein. Und dabei sind VEG Markee und die Molkerei Nauen dreieinhalb Kilometer voneinander entfernt. Des Rätsels Lösung? Seit einiger Zeit verbindet den Erzeugungs- und den Verarbeitungsbetrieb die erste Milchpipeline der DDR. Installiert vom Institut für Milchforschung Oranienburg, hat die in solcher Länge wohl einmalige Versuchsanlage ihre dreimonatige Durchlaufprobe bestens bestanden.

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Skizze der Milchpipeline

Die in frostfreier Tiefe in den Erdboden verlegte Trasse – bestehend aus zwei Polyethylenschläuchen – eröffnet dem Transport des wertvollen und hygienisch so empfindlichen Grundnahrungsmittels völlig neue und zudem vorteilhafte Wege. Man bedenke: In der DDR mussten täglich 15.000 Tonnen Milch von etwa 250.000 Erzeugern transportiert werden. Das bedeutete, dass wenigstens 80 Prozent der anfallenden Milch in Kannen (1 Million) abgefüllt wurden, dass Tag für Tag fast 13.000 Fahrzeuge mit 3.200 Tonnen Aluminium über Land fuhren. Damit aber nicht genug. Milch verlangt strikte Kühlung. Dazu benötigte man in den 553 Molkereien der DDR immerhin 300.000 Kilowattstunden. Kostenpunkt jeden Tag ungefähr 150.000 MDN.

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Die täglich eintreffende Milchmenge wurde mit dem Durchflusszähler gemessen. Die Pipeline überwandt einen Höhenunterschied von 15 Metern. Im Ausland kannte man nur kurze Leitungen (bis 700 Meter) auf ebenem Gebäude.

Das alles hatte die Experten des Oranienburger Milchforschungsinstituts (Leitung Professor Dr. Krüger) zu der Überlegung veranlasst: Was fließt, soll man nicht tragen. Die Vorteile der Pipeline liegen auf der Hand. Füllen, transportieren, waschen und desinfizieren der Aluminium-Milchkannen sowie der Rücktransport der Magermilch fallen weg. Dazu kommt, dass die Milch in ihrer Erdleitung durch die gleichbleibende Bodentemperatur eiskalt gehalten wird. Kein Mensch erwartete nun in den 9237 Gemeinden der DDR in Kürze mit dem Bau ähnlicher Milchleitungen beginnt. Das wäre auch utopisch gewesen. Auch weiterhin hatten sich die Genossenschaften auf den Milchtransport in Tankwagen konzentriert.

Dennoch war dieses Beispiel keineswegs eine technische Spielerei. Es zeigt vielmehr, dass mit der weiteren Spezialisierung der damaligen Landwirtschaft neue strukturelle Bedingungen geschaffen wurden, die es möglich machten, in größeren Konzentrationpunkten der Viehwirtschft die Rationalisierung des Milchtransportes voran zu treiben.